Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Vorratsdatenspeicherung wird umfangreich in allen Medien kommentiert und auseinander analysiert. Da fiel mir ein Plakat der Piratenpartei ein das ich irgendwann mal letztes Jahr auf dem Weg zur Arbeit fotografiert habe.
Ist jetzt Stasi 2.0 out oder kommt noch Vorratsdatenspeicherung 08.15?
Ein italienisches Gericht hat drei Manager von Google zu sechs Monaten Haft (ausgesetzt zur Bewährung) verurteilt, weil ein Video, das zeigt wie ein Mann mit Down-Syndrom von vier Schülern beleidigt wird, nicht schnell genug von Google Video gelöscht wurde. Die Richter sahen darin eine Verletzung der Privatsphäre des Opfers. Einer der drei ist David Drummond, Senior Vice President, Chefjurist des (G)imperiums* und ehemaliger Aufsichtsratsvorsitzende von Google Italien. Das ist das erste Mal, daß die Betreiber einer Suchmaschine für die Inhalte ihrer Seiten zur Verantwortung gezogen wurden.
Die Empörung seitens Google ist groß, das Urteil wird „selbstverständlich angefochten“, da es einen „gefährlichen Präzedenzfall“ darstellt, etc. (G) sieht dabei die Meinungsfreiheit in Gefahr. Spiegel zitiert Drummond wie folgt: “Ich bin außer mir. Diese Entscheidung schafft ein gefährliches Beispiel … Es gebe klare gesetzliche Bestimmungen in Italien wie auch in der EU, die eindeutig festlegten, dass Internetunternehmen die Inhalte nicht vorab kontrollieren müssten.“ Stimmt, aber darum geht es nicht. Das Urteil ist auch nicht gefallen, weil Google Daten nicht gefiltert hat, sondern weil er sie nicht schnell genug gelöscht hat.
Seit Menschengedenken dienen die Gesetzgebung und Rechtsprechung dem Erhalt der Funktionsfähigkeit der Gemeinschaft und dem Schutz der Gesellschaft. Die historischen, technologischen und anderen Entwicklungen – insofern sie die Lebensbedingungen verbessern, werden gesellschaftlich akzeptiert und halten schließlich den Einzug in die Gesetze als Bestandteil der Kultur und des zivilisatorischen Regelwerks. Noch vor einigen Jahrzehnten hat man behinderte Menschen als „vom Teufel besessen“ gejagt und misshandelt. Heute wissen wir es besser und unsere Erfahrungen und Haltungen fließen in die Gerichtsurteile und politische Entscheidungen. Die Gesellschaft schützt ihre Errungenschaften indem man sie in den Regelwerken der gesellschaftlichen Normen festschreibt.
In diesem Fall könnte die Botschaft heißen: es ist nicht lustig behinderte Menschen zu quellen! Wer die Macht hat dagegen vorzugehen, ist nicht nur dazu berechtigt sondern auch verpflichtet. Das ist doch ein Gedanke, da könnte man ein wenig inne halten um darüber nachzudenken. Oder? Alles andere wäre tatsächlich Angriff auf die Meinungsfreiheit.
* siehe Wörterbuch
An Google scheiden sich die Geister. Manche lieben es, manchen fürchten es. Manche sehen es mit der nötigen Portion Humor, manche sind besorgt, andere sarkastisch. Google Threatens To Kill Users, Video von Comedy.com ist ein gutes Beispiel für das letztere.
YouTube ~ Google Threatens To Kill Users - Comedy.com
Google ist wie ein Kind, das seinen Spielzeug kaputt macht, weil man es geärgert hat
Was macht Google zur Zeit? Neue Produkte, die kein Mensch braucht und einem einzigen Zweck dienen – dort wo Google nicht Maß aller Dinge ist das Zepter in die Hand zu nehmen. Buzz, Nexus (ph)one, Breitband Netz in den USA, etc. Haben, nehmen, erobern, kaufen, übernehmen! Unsere Justizministerin hat es neulich in einem Satz gesagt: „Diese Gigantomanie, die stört mich.“ Mich auch.
Noch vor einem Jahr schauten mich sogar einige meiner Freunde schief an, weil ich mich zum Thema (G) kritisch geäußert habe. „Ist dir denn der Schäuble lieber? Und die Internetsperren?“ – bekam ich zu hören. Natürlich nicht, aber was hat das eine mit dem anderen zu tun? Und warum werden die Gespräche plötzlich so hitzig wenn es um (G) geht? Ich gebe zu, damit hatte ich eine Weile zu knabbern bis mir klar wurde, daß mein gegenüber Google mit freiem Internet gleichstellt.
Wie kommt‘s? Tja, die große Mehrheit der Menschen hat erst in den letzten Jahren das Internet entdeckt und das sind nun mal die Google Jahre. Wer erinnert sich schon an Alta Vista, CompuServe, oder ein 4800 Modem? Die Menschheit hat eine Online Revolution durchlebt. Die verdanken wir nicht zuletzt auch Google. Doch wo Licht ist, gibt es auch Schatten.
Wenn man die Entwicklungen allein in den letzten Wochen genauer betrachtet, drängt sich der Eindruck, daß die Google-Gründer immer noch in der Garagenmentalität der Anfangsjahre stecken. Die seltsame Mischung aus Arroganz, grenzenlosem Hochmut und maßloser Gier scheint alle von der höchsten Managementebene bis runter zu den Foren-Günglingen* erfasst zu haben. Blankes Unverständnis, ja Verwunderung bei den Themen wie Datenschutz oder die Rechte der Verlage, etc. Nonchalance mit der David Drummond auf der DLD Conference zum Thema Verlagsrechte erläutert: „Bing ist nur einen Klick entfernt, falls Sie Google nicht mögen“ ist vielmehr als Selbstsicherheit eines Monopolisten, es ist eine Machtdemonstration ohne gleichen.
In gleichen Atemzug stellt er fest, daß die Zensur ein enormes Problem ist und zwar „nicht nur in China“. Das stimmt. Allerdings hat man (lese G) die Voraussetzungen dafür selbst geliefert. Mit dem enormen Erfolg des (G)uMa* gepaart mit dem stets sehr bedacht gepflegten Image von „Guten“ und der Ich-will-es-haben-wir-machen-das-jetzt-ist-uns-egal-was-andere-denken-die-welt-ist-sowieso-böse-und-wenn-einer-was-anderes-denkt-dann-ist-er-bloss-neidisch Paranoia hat man auf der einen Seite Menschheit um Lichtjahre nach vorn gebracht auf der anderen Seite aber den Kern des Internets, dezentralisierte Struktur, abgeschafft.
Das wäre ja an sich nicht das Ende aller Tage – was mir daran allerdings Bauchschmerzen bereitet ist, daß Google klar erkennen lässt es auch weiterhin so handzuhaben – notfalls mit der Brechstange. Wer nicht mitspielt fliegt raus! Während ich das hier schreibe, geht mir ein Satz von Mr. Spock aus dem ersten StarTrek Film nicht aus dem Kopf: „Captain, Vo..ger ist wie ein Kind, wenn er nicht bekommt, was er haben möchte, macht er womöglich sein Spielzeug kaputt.“
So wie mit China: Der Sinneswandel fand erst statt nach dem man ihn geärgert hat, alles weitere: „wir sind ah, so cool und streiten so gern, ob wir das mit unserer Firmenethik vereinbaren können … wir haben geglaubt, daß das Netz in China freier wird durch unsere Präsenz“ kam danach. Ah, bitte! Da wird einem schlecht! Wenn ein Kind sich so verhält, dann ist es nervig, bei einem Erwachsenen ist es unglaubwürdig, und die Mehrheit von Menschen (umgangssprachlich auch User genannt) empfindet es als Respektlosigkeit. Die Ablehnungswelle, die sich gerade formiert, hat durchaus damit zu tun, daß die Menschen die Verachtung spüren, die ihn G entgegen bringt.
Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Soziale Netzwerke bedeutet einer von vielen zu sein. Auf G mit seinem Herrschaftsanspruch trifft es wahrlich nicht zu. Da hilft auch nicht die Werbemaschinerie mit dieser schlecht inszenierten Buzz-Vorstellung (übrigens Steve Jobs kann das viel besser), nicht der Aardvark und schon gar nicht Gmail User Nötigung.
Twitter und Co. haben in der Tat etwas Außergewöhnliches geschafft: Kommunikation vorbei an Google, Internet außerhalb Google. Sie erschaffen das Netz „miteinander“ neu und dezentralisieren es wieder. Auch ohne Google funktioniert das ganz hervorragend. Und das ist auch gut so, sonst könnte es unser „kleiner“ womöglich kaputt machen.
Google stellt sein China-Geschäft auf einmal in Frage. Angeblich will sich der Datensammler aus Mountain View nicht länger den Zensurforderungen der chinesischen Regierung beugen und nimmt dafür auch einen Rückzug aus dem Chinesischen Markt in Kauf. Der gemeine Güngling* wird in seinem Glauben bestätigt, die anderen werden die Meldungen darüber aufmerksamer weiterlesen.
Internet World z.B. schreibt: „Google hat damit gedroht, den chinesischen Markt aufzugeben, wenn die Zenssurbestimmungen nicht gelockert werden.“ Erst in dem zweiten Satz gesellt sich ein wenig Licht zu dem Knall. Der Auslöser war keine moralische Kehrtwende (manche wurden auch von moralischer Pflicht sprechen) sondern ein Hackerangriff.
Ein Hackerangriff aus China? Was soll daran so außergewöhnlich sein? – fragt sich der gesunde Internetverstand. Gibt es täglich. Ah, was! Stündlich. Ja schon, aber es wurden Mail-Accounts von Chinesischen Menschenrechtlern angegriffen! Hillary Clinton soll sich auch eingemischt haben. Hm, damit ich sehe ob ich das so richtig verstanden habe? Google zensiert seit 4 Jahren brav das Internet über die Google.cn aber jetzt soll alles anders werden nur wegen paar Mailaccounts. Sorry, aber das leuchtet mir immer noch nicht ein.
Es sei denn… Es sei denn, die Hacker waren erfolgreich. Verschiedene Quellen (siehe Wall Street Journal, z.B.) schreiben davon, das bei dem Angriff auch „wichtige Teile des Quellcodes gestohlen worden, mit denen potenziell Zugang zu anderen Daten gewonnen werden kann“. Wie üblich, von Google nur Andeutungen: „… from China that resulted in the theft of intellectual property from Google“ (Quelle: http://googleblog.blogspot.com/2010/01/new-approach-to-china.html) Sprich: „… aus China, dass Diebstahl von Google’s geistigen Eigentum darstellt.“ Also, doch. So gesehen, bin ich froh dass ich nicht die Google Analytics benutze – sonst könnte mich womöglich jemand verklagen weil er Spam-Mails aus China bekommt.
Na ja, so oder so, niemand wird ernsthaft glauben (die Chinesen am wenigsten) das Google tatsächlich vor hat (von taktischem Geplänkel mal abgesehen) den einzigen Markt, der groß genug ist die Gier des Giganten in den kommenden Jahren zu stillen, fallen zu lassen. Moralische Bedenken hin oder her – Google kann sich das einfach nicht leisten. Die Größe des Gimperiums* ist in zwischen auch sein Fluch. Das Tempo, bei dem das Unternehmen immer neue Groodukte* entwickelt, droht sich zum Bumerang zu entwickeln, weil die Märkte bald nicht mehr benötigte Absatzzahlen liefern werden können. Die Welt ist für Google einfach zu klein.
Allerdings, gibt es Argumente, die eine (vorübergehende, versteht sich) Scheidung zwischen China und Google bewirken könnten. Erstens ist es der Marktanteil von Google in China: 25% von 340 Millionen Nutzer. Lese oben – für Google Maßstäbe ist das zu wenig. Zweitens, Google muss eine vernünftige „Defence Strategy“ ausarbeiten. Offensichtlich hat man die Gegner bis dato gewaltig unterschätzt. Dies wird Geld (kein Problem) und Zeit (großes Problem) kosten.
Ein Rückzug aus China ist jedoch wenig wahrscheinlich, weil es so gut wie sicher ist, dass es keine Rückfahrt geben würde. Wir können uns das zwar schwer vorstellen, aber es könnte eines Tages jemanden geben, der noch Googligantischer* ist und mit Sicherheit aus China kommt. Und das weiß man in Mountain View. Ein Ausstieg aus den Chinesischen Markt taugt höchstens als eine PR-Aktion, und zwar eine leichtsinnige.
* siehe Wörterbuch
Ick schraub doch nich’ anderer Leute Jurken! – von Kundenbedürfnissen, Fahrrädern und einem Kleid
Es gibt Tage an denen man einfach gut drauf ist. Samstag, der 19.09.2009 war so ein Tag. Sonnig und warm, spätsommerlich, wie geschaffen um sich nach einer Shopping Tour in der Schloßstraße*, in einem der unzähligen Cafes zu entspannen. Es sind nun mehr als 11 Jahre, das ich mit meiner Familie in Reichweite vom Rathaus Berlin-Steglitz lebe. Und ich lebe gerne hier. Seit ich kürzlich ein Fahrrad besitze, lerne ich auch all die schönen – mir bis dato verborgenen -Seiten des Berliner Südens (Steglitz + Zehlendorf) kennen.
Bei aller Begeisterung für die 1 M(ann)S(tärke) Fortbewegung, sind mir die 24 Gänge Schaltung, Nabendynamo und was weiß ich alles vollkommenes Neuland, also tat ich das, was ich als Autofahrer 30 Jahre lang tat – ich fuhr zu einem Fachmann. Prämisse dabei: Du bewegst dich im Straßenverkehr, ergo vergewissere dich, daß dein Fahrzeug richtig, verkehrssicher und technisch einwandfrei eingestellt ist. Also, schnell gegoogelt und einen „Fachmann“ in der Feuerbachstr.** gefunden. Einen, für den „Zufriedenheit des Kunden das oberste Ziel ist“. Dachte ich.
Beim Betreten des Ladens sah ich einen Herrn hinter der Theke, offensichtlich zu beschäftigt mich zu begrüßen obwohl ich definitiv einzige Kunde im Laden war. Auf die Frage, ob es möglich sei einen Service-Termin für das Einstellen und Überprüfen des Fahrrads folgte: „Den haben Sie wo anders gekauft! Warum sollt’ ich det tun wenn ick selber verkoofe?“ Und, wortwörtlich: „Ick schraub doch nich anderer Leute Jurken!“ Völlig geplättet verließ ich den Laden. Was war da los? Und warum ist es so wichtig, dass ich darüber schreibe? Neulich schrieb Anne M. Schüller, führende Expertin für Empfehlungsmarketing: “Die Kunden flüchten und niemand tut was dagegen.“ Tja, mancher tut was dafür!
Vorbei an Kundenbedürfnissen
So wie Karstadt mit Quelle. Wie lange hat man eine verfehlte Produkt/- und Preispolitik für ein übermächtiges Erfolgskonzept gehalten? Auch dann wenn es schon abzusehen war, daß der schöne Schein auf dem Boden der Tatsachen aufschlagen wird? Wie lange hat man vorbei an den Bedürfnissen der Kunden gehandelt? Wie viele Entwicklungen auf dem Markt hat man verpasst? Da fällt mir die Geschichte wieder ein, wie meine Frau vor etlichen Jahren ein Kleid für unsere Tochter in einem Quelleladen bestellte und nie bekam, weil es zuerst „noch nicht lieferbar“ und ein Jahr später „nicht mehr lieferbar“ war. In zwischen hatte sie drei Gutscheine zw. 5 und 15 Euro als Entschuldigung von Quelle bekommen und eine sehr herzliche Freundschaft mit der Betreiberin des Ladens entwickelt. Nur das Kleid, das bekam unsere Erstgeborene nie.
Es gibt immer mehr Radfahrer in unseren Städten. Die Fahrrad-Läden aller Art sind an jeder Ecke zu finden, ein boomendes Geschäft so wie es aussieht. Der Verkauf von neuen Fahrrädern wird sich schnell einpegeln auf einem mehr oder weniger stabilen Level, dafür wird die Nachfrage nach Dienstleistungen rund um das Fahrrad (Reparatur, Ersatzteile, Tuning, etc.) steigen. Der Konkurrenzkampf tobt schon und er wird immer schärfer. Gebe ich bei Google: fahrrad+steglitz bekomme ich schon an die 60.000 Einträge. Die Topplatzierten wissen offensichtlich schon, wie man heute neue Kundschaft findet – die Probleme fangen bei manchen an, wenn der Kunde schon im Laden ist, wie ich erfahren dürfte.
Auf der Homepage des besagten Laden finde ich auch folgendes: „Wir reparieren fast jedes Fahrrad unabhängig davon ob Sie es bei uns oder woanders gekauft haben. Allerdings möchten wir Sie darauf hinweisen, dass wir uns am Stand der Technik orientieren. Deshalb behalten wir uns vor, einen Reparaturauftrag, der nach unserer Auffassung aus Kosten– oder Sicherheitsgründen nicht sinnvoll erscheint, abzulehnen.“ Aha, das wollte mir der freundliche Herr vermitteln also! „Jurke“ heißt also „nicht sinnvoll erscheint“ oder so :=). Und weiter: „Möchten Sie einen Wunschtermin? Schicken Sie uns eine Mail.“ Und spätestens hier wird mir mein Fehler klar – ich hätte nicht einfach so hingehen dürfen, um zu Fragen ob ich mein Geld dort lassen darf, ich hätte vorher eine Mail schicken sollen.
Ich werde mein Fahrrad jedenfalls wo anders checken lassen, ich hab ja bis zum Frühjahr Zeit eine Fachwerkstatt zu finden, die sich nicht schade ist meine „Jurke“ zu durchleuchten. Vielleicht auf der Seite 2 oder 3 bei Google. Besser noch, ich frage bei Bekannten und Freunden welchen Laden die empfehlen. Wenn ich einen gefunden habe, schreibe ich darüber. Hoffentlich.
* Schloßstraße ist eine bekannte Einkaufsstrasse in Berliner Stadtteil Steglitz
** Feuerbachstraße befindet sich in unmittelbarer Nähe der Schloßstraße
Mit der Beherrschung der digitalen Werkzeuge und dem Wissen um die gesellschaftliche Funktion von Kommunikation verfügen wir über ein komplexes Instrumentarium des digitalen Gestaltens. Es ist deshalb notwendig, die Erfahrungen und das Wissen der einzelnen digitalen Disziplinen zusammenzufassen. Wenn Medienkompetenz über die rein funktionale Anwendung von digitalen Werkzeugen und ihre ausschließlich kommerziell ausgerichtete Verwendung hinaus gehen soll, müssen Arbeitsprozesse – interdisziplinär – in Kunst und Wissenschaft initiiert und künstlerisch orientierte Strategien werden.
MediaLab: Konzept
Das Medialab ist ein Ort der experimentellen medialen Gestaltung für die Fachbereiche Design und visuelle Kommunikation, gewissermaßen die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Kunst. Als Werkstatt für den Entwurf virtueller Welten und raumbezogener Installationen untersucht es die Darstellung und Gestaltung von der Fläche in die Tiefe des virtuellen Raumes und – damit verbunden – die veränderte Wahrnehmung und Entwicklung neuer Sprachen und Anwendungen für den medialen Raum. Die Gegenüberstellung real – virtuell führt zu neuen Wahrnehmungsformen und neuen sinnlichen Erfahrungen. Analoge und digitale Arbeitsmethoden werden experimentell vergleichend herausgearbeitet. Schlüsselwörter sind Interface, Interaktion, Immersion und Imagination.
MediaLab: Ziele
Das MediaLab verbindet einzelne digitale Disziplinen wie Text, EBV und Lay-Out, 2D und 3D Grafik, Sound und Video, sowie CAD und Programmiersprachen zu einem digitalen (Gesamtkunst)Werk, das durch seine Präsentation im realen resp. medialen Raum eine neue Darstellungsqualität erreicht. Sein Ansatz ist, künstlerische Strategien für die Entwicklung von Medientechnologien und umgekehrt medientechnologische Forschung für die Kunst und ihre angewandten Bereiche produktiv zu machen. Das MediaLab soll darüber hinaus zur Diskussion und Weiterentwicklung der Medienlehre, der Medienkunst und des Informations-Design beitragen.
Durch die enge Verknüpfung zur Medientheorie entstehen dabei – sozusagen als Nebenprodukt – explorative Wissensräume.
MediaLab: Anwendungen
Die Projekte und Produkte des MediaLab befassen sich mit Interaktivität, Interface- design, Kommunikationsdesign sowie der Entwicklung von Strategien zur Verbindung von realem und virtuellem Raum (Mixed Reality). Daraus ergeben sich im wesentlichen 4 große Anwendungsfelder:
1. Interface-Design
Das Interface ist der Schlüssel zum medialen Werk. Das Spektrum des Interface reicht von der 2D-Benutzer-Oberfläche zum interaktiven Display für 3D-Modelle. Dazu gehören ebenso Designstudien zur Ergonomie von Sicht- und Navigationssystemen wie Medienarchitekturen. Mögliche Projekte und Präsentation: Alle innovativen 2D-Benutzer-Oberflächen, die auch einen Bezug zum realen Raum herstellen (z.B. über Beamer, Sound). Als sinnliche „Verlängerung“ kann das Interface-Design zusätzlich (oder explizit) auch auf traditionelle Weise als Ausstellungsdesign oder im öffentlichen Raum (Cultural Jamming) präsentiert werden.
2. Interaktions-Design
Interaktions-Design meint das Denken in szenischen Bildern. Was geschieht, wenn … ? Entwurf von Interfaces, Szenarien und Interaktionen, ein Drehbuch sozusagen. Interaktions-Design ist Design für Handlungs- und Funktionsabläufe, die Aktionen hervorrufen. Interface und Interaktion stehen in engem Zusammenhang. Die Qualität des Interface bestimmt die Funktionalität der Interaktion ebenso wie die Programmierung der Funktionsabläufe selbst. Mögliche Projekte und Präsentation: zum einen eher funktional-anwendungsbezogene Konzepte, die dem Benutzer/Betrachter ein intuitives Handeln ermöglichen, d.h. eine Benutzung ohne über die Funktionsabläufe im Einzelnen nachdenken zu müssen, zum anderen eher spielerisch-künstlerische Konzepte, bei denen der Benutzer/Betrachter durch seine eigenen Aktionen (im Raum) bestimmte Funktionsabläufe auslöst. Als Präsentationsform sind hier sowohl rein rechnerbasierte Werke als auch mediale Rauminstallationen denkbar.
3. Film/Video/3D-Design
Film/Video/3D-Design bezieht sich auf die Möglichkeiten des digitalen Videoschnitts ebenso wie auf die Erfindung neuer Welten mittels 3D-Technik. Das audio-visuelle Werk setzt sich aus Texten, Bildern, Sprache, Sound, Raum, Bewegung im Raum und bewegten Bildern zusammen. Das digitale Studio mit seinen virtuellen Kulissen bietet hierfür vielfältige und innovative Möglichkeiten. Mögliche Projekte und Präsentation: In erster Linie 2D und 3D Werke, die entweder auf dem Monitor als adäquates Präsentationsmedium oder mittels Projektor im Raum gezeigt werden. Als werbewirksame „Verlängerung“ in den öffentlichen Raum sind auch ungewöhnliche Präsentationsorte und –formen denkbar (z.B. U- Bahnprojekt Zoo-Hansaplatz), die bei der Projektkonzeption jedoch schon von An- beginn berücksichtigt werden sollten.
4. Kommunikations-Design
Zukünftige Formen der Kommunikation benötigen geeignete Kommunikationsräume. Neue Technologien eröffnen dem Kommunikations-Designer Möglichkeiten, neue Kommunikations-Modelle zu entwickeln und zu präsentieren (z.B. WebCams, Chat-Rooms, Videokonferenzen, Internet-Telefonie). Mögliche Projekte und Präsentation: WebCam-basierte Übertragungen von öffentlichen Räumen/Events, Entwicklung neuer Formen von ChatRooms, Video-Konferenzen unter Einbeziehung des Benutzers/Betrachters, WebCam-Projekte und deren Übertragung in den realen Raum.
Die helle Kammer: Zusammenfassung
“Die helle Kammer” – der Titel ist eine Anlehnung an das gleichnamige medientheoretische Werk von Roland Barthes – soll die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Kunst, zwischen studium und punctum bilden. In theoretischer Hinsicht ist sie ein Denk- und Wahrnehmungsgebäude, in dem medientechnologische Forschung für die Kunst und ihre angewandten Bereiche zugänglich gemacht wird (studium); in angewandter Form ist sie ein Experimentierfeld für die Entwicklung künstlerischer Strategien zur Schaffung und Erweiterung von Medientechnologien, eine Collage aus den Bausteinen individueller Themen und Konzepte (punctum). Im Ergebnis sollen durch die Kombination von Computer, Projektion und sensorischen Präsentationsformen interaktive, raumbezogene Installationen, zeitbasierte reagierende Umgebungen und veränderliche Bildräume entstehen, die sich dem Benutzer/Betrachter durch geeignete Sichtsysteme erschließen.
Das Finden und Erfinden narrativer Handlungsrahmen und die Entwicklung intuitiver Interfaces sind neben der Gestaltung der Modelle die wesentlichen Elemente der künstlerischen Artikulation in diesem Projekt. “Helle Kammer” steht als Weiterentwicklung für eine Zeit- und Raum-Struktur mit unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen: das Erlebbar-Machen von Szenarien, bestehend aus Texten, Bildern, Geräuschen, Bewegungen in dreidimensionalen Räumen.
Welche curricularen Einbettungen gibt es für Medienkompetenz fördernde Angebote? (Schule, Universitär, FH’s, EWB, Projektarbeit mit Kindern und Jugendlichen.)
5.1 Vermittlungspraxis
- Fähigkeit zur aktiven Kommunikation
- Erlernen und Anwenden spezifischer Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten und journalistischer Methoden; Fähigkeit zur aktiven Kommunikation mit audiovisuellen Medien von der Planung und Recherche über die Produktion und Gestaltung bis zur Fähigkeit der Verbreitung eigener audiovisueller Erzeugnisse.
- Kenntnis der technischen und organisatorischen Bedingungen
- Fähigkeit im Umgang mit den technischen und den organisatorischen Bedingun- gen von der schriftlichen Fixierung bis zur Organisation und Verbreitung der eigenen Medienprodukte.
- Kompetente Rezeption
- Sensibilisierung der eigenen Wahrnehmung, verbunden mit der Fähigkeit zur Filterung und Analyse audiovisueller Informationen
- Vermittlung von Format- und Genrewissen
5.2 Medienbasiertes Lernen
Konzeption und Gestaltung medienbasierten Lernens: Leitfragen für die Entwicklung eines virtuellen Lernszenarios, Bedarfserfassung:
- Welche Inhalte bzw. Kompetenzziele sollen vermittelt werden?
- Wieviele Lernende sollen geschult werden?
- Verfügen diese über ausreichend technische und methodische Kompetenzen, um Neue Medien für ihr Lernziel erfolgreich nutzen zu können?
- Welche organisatorischen Rahmenbedingungen sind zu berücksichtigen?
Konzeptentwicklung
- Welche Vermittlungsmethoden sollen angewandt werden? Systematische darbietende Wissensvermittlung (Vorlesung, Frontalunterricht) oder problemorientierter Wissenserwerb (Übung, Praktikum, Seminar)?
- Welche Form des Medieneinsatzes soll realisiert werden? (Anreicherungskonzept, integratives Konzept, virtuelles Konzept)
- Wie soll die gesamte Lehrveranstaltung organisiert sein?
- Welche Kommunikationskanäle sollen genutzt werden und wofür?
- Welche Möglichkeiten soll die medienbasierte Lernumgebung bieten?
Ressourcenplanung
- Notwendige personellen Ressourcen für eine qualitativ hochwertige Realisierung der medienbasierten Veranstaltung
- Erforderliche Infrastruktur, Hardware, Software
- Zeitraum der Realisierung
Rollenverteilung und Qualifizierungsplan
- Über welche notwendigen Voraussetzungen verfügen die Lernenden? Welche Ein- schulungsmaßnahmen sind erforderlich?
- Welche Rollen und Aufgaben übernehmen Lehrende?
- Erforderliche Kompetenzen von Tutoren
- Erforderliche Kompetenzen von Autoren
- TechnikexpertInnen zur Einrichtung und Wartung der erforderlichen Hard- und Software-Tools
Contententwicklung
- Empfehlungen zur Vorgehensweise bei der Contententwicklung
- Gestaltung von selbstinstruierenden Online-Materialien Kontinuierliche Betreuung der Lernenden
- Strategien zum Schnittstellenmanagement
- Unterstützung in technischen, methodischen und inhaltlichen Fragen
- Möglichkeiten und Anregung zur Teamarbeit
- Unterstützung beim Aufbau von Lernstrategien
5.3 Projekte / Projektarbeit / Themenauswahl
- Medienkompetenz als zentrales Operationsfeld von Projekten
- Neue Medien und kulturelle Bildung • Medienkompetenz als präventiver Jugendschutz
- Projekte als Formen der Medienarbeit
- Alice im Cyberland
- Baukasten “Kinder und Werbung”. Medienkompetenz für Kindergarten, Grund- schule und Familie
- Das digitale Kinder− und Jugendmuseum
- Games bis Augen weg
- In eigener Regie
- news 4u – Journalistentraining für Youngster
5.4. Praktischer Ansatz: Lernen durch Zeichenarten
1. Das Bild: Das Bild – bildet das Objekt mit hoher Übereinstimmung ab. Seine Information kann unmittelbar erfasst werden. z.B. Fotos, Gemälde, Grafiken.
2. Das Wappen: Wappen und Fahnen fungieren als Erkennungsmerkmal oder Zugehörigkeitszeichen für Gruppen oder Stände. Die Informationsübermittlung erfolgt indirekt, d.h. erst nach einem Lernprozess. z.B. Stadtwappen von Dresden oder Fahne der europäischen Gemeinschaft.
3. Das Piktogramm: Unter einem Piktogramm versteht man – im erweiterten Sinn – ein Bildsymbol, im engeren Sinn ein formelhaftes, für alle Sprachen verständliches Symbol. Der Begriff setzt sich aus dem lateinischen “pictus” (=Bild) und dem griechischem “gramm” (=Geschriebenes) zusammen und bedeutet soviel wie schriftliches Bild. Seine Infor- mation erschließt sich direkt und ist weitestgehend multikulturell erfassbar. z.B. Piktogramm für Information.
4. Das Icon: Ein Icon in der Informatik steht für ein bildhaftes Symbol in einer grafischen Benut- zeroberfläche eines Programms oder einer Anwendung. Mit ihm verbindet sich meist eine bestimmte Funktion oder Operation (z.B. dem Zuweisen eines Attribut- wertes zu einem Absatz). Seine Information erschließt sich im Zusammenhang oder Zusammenspiel mit dem Objekt. z.B. Icon des Internet-Explorer.
5. Die Schrift: Die Schrift ist die abstrakteste und multivariabelste Zeichenform. Sie wird in ihrer Vielfältigkeit von keinem Zeichen erreicht. Seine Information muss erlernt werden und erschließt sich über einen Dekodierungsprozess indirekt. z.B. Garamond.
6. Das Signet: Ein Signet ist eine Kennzeichnung des Produktes oder der Leistung einer Institution mittels sprachlichem (Schrift) oder bildlichem Mittel. Die Informationsübermittlung erfolgt indirekt nach einem Lernprozess.z.B. Schriftzug Coca Cola oder Nike – Signet.
7. Das Symbol: Symbole sind visuelle Zeichen, die keinen direkten Bezug oder mit dem darzustel- lenden Objekt haben. Seine Information muss erlernt werden. z.B. Additionszeichen.
8. Das Signal: Signale werden immer dort benötigt und eingesetzt, wo ein Handeln oder unmittel- bares Reagieren auf eine Gefahr, ein Verbot oder eine Anweisung erfolgen soll. Die Informationsübertragung erfolgt weitestgehend direkt und besonders mit dem Mit- teln von Farbe und Form. Manchmal ist aber auch ein Lernprozess notwendig. z.B. Gefahrenzeichen und Verkehrszeichen.
9: Das Diagramm: Diagramme sind Zeichen zur Darstellung von Sachverhalten und Abläufen. Dia- gramme visualisieren meistens Zahlen und Statistiken. Die Informationsübermittlung erfolgt direkt. z.B. Liniendiagramm des DAX, Hertzsprung-Russell-Diagramm.
10. Die Karte: Karten sind geografische oder topografische Darstellungen. Erkennbare Formen werden als Umrisse dargestellt. Die Informationsübermittlung erfolgt direkt. z.B. Stadtplan von Dresden oder Wetterkarte von Deutschland.
Medienkompetenz Teil VI – künstlerisch intendierte Medienprojekte
Die Untersuchung einer Bildsprache, die den Fokus nicht auf die Fotografiegeschichte und die Besten ihrer Repräsentanten legt, muss sich zwangsläufig mit den medialen Distributationskanälen einschließlich ihrer wildesten Auswüchse befassen. Die Anleitung in einer Fachzeitschrift „Ein Bild machen à la Monet mit 3 Klicks!“, ist exemplarischer Ausdruck einer radikal veränderten Produktions- und Rezeptionsästhetik, die kein Innehalten mehr kennt: Vilém Flussers kritische Vision von 1981, nämlich die einer an den Funktionen der Programme und der Distribution der Information orientierten Kreativitätspraxis, hat heute in der Endlosschleife des product placement seine adäquate Ausdrucksform gefunden. Gleichwohl bestimmt diese – wie gerade aufgezeigt – zunehmend unsere kulturelle Identität.
Ein Großteil der Anstrengungen in der heutigen Medienkultur dient in erster Linie der Bildung von Identifizierungen. Massenkultur und Schnelllebigkeit sind ihrem Wesen nach das Gegenteil davon. Somit wird über die permanente Wiederholung und allgegenwärtige Präsenz in den Medien versucht, das Defizit der kulturellen Identität in eine (kurzlebige) markenabhängige Identifizierung zu überführen. Eine ästhetische Orientierung in der Medienpädagogik geht in der Regel davon aus, das Bilder unser Denken und damit unsere Wirklichkeitskonstruktion beeinflussen – Bilder in einem erhöhten Maße, weil über sie Emotionen und Gefühle ideal transportierbar sind. Marlboro verkauft demnach nicht Zigaretten, sondern das Gefühl von Freiheit, Benetton klärt dich doch nur auf, Apple verkauft nicht Computer, sondern einen hippen und coolen Lebensstil, und Nike ist der Anwalt aller Subkulturen. Wir sehen: Markenidentität als Substitut für die verloren gegangene kulturelle Identität.
Wie aber gewinnt man aus solchen Erkenntnissen praktische Medienkompetenz?
Um den Anforderungen der modernen Mediengesellschaft gerecht werden zu können, muss es ein zentrales Anliegen von Bildungsinstitutionen sein, die Fähigkeit zu vermitteln, Bilder rezipieren, dechiffrieren und mit ihnen kommunizieren zu können Neben dem Fernsehen dürften zukünftig auch im Internet bewegte und unbewegt Bilder als wichtige Darstellungsform und als komplexes Transportmittel für Informationen mehr und mehr genutzt werden. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird die Fähigkeit, Bilder und Bildzusammenhänge einschätzen und nach dem Informationsgehalt filtern zu können, zu einem maßgeblichen Bestandteil praktischer Medienkompetenz.
Christian Doelker schlägt als Begriff “Bild-Pädagogik” oder “Bild-Bildung” vor (ich würde eher zu “Visueller Bildung” tendieren, weil der Begriff “Bild” alle visuellen Zeichensysteme nur ungenügend erfasst). In jedem Fall muss eine solche pädagogische Ausrichtung versuchen, die Rezeptionsfähigkeiten des Wahrnehmenden eben so zu fördern wie seine mediale Handlungskompetenz. Bildung für das Visuelle meint demnach auch Schulung, Kultivierung und praktische Umsetzung von Wahrnehmungsaspekten.
Visuelle Bildung bezieht vor allem auch die trivialen Kommunikationskanäle wie zum Beispiel die Werbung mit ein. Betrachtet man Werbung als vorrangiges Medium der bildsprachlichen Kommunikation, ergibt sich eine neue medienpädagogische Sichtweise: Wie häufig in der Kunst, geht es in der Werbung um Überraschung, Irritation, enttäuschte Erwartungshaltungen, um metaphorische und absurd-surrealistische Botschaften, die im Bild visuell kodiert sind und die durch den Betrachter dekodiert werden müssen. Als Techniken der visuellen Rhetorik werden die Methode der Verzerrung, der Übertreibung und vor allem die der Verschiebung auf Meta-Ebenen angewandt. Nichts anderes also als das, was in vielen Bereichen der Kunst schon seit langem praktiziert wird (freilich ohne auch nur annähernd ähnliche technische Voraussetzungen oder analoge Distributationskanäle zu haben).
Die Bildsprache in der Werbung ist ein Spiel mit Gewohnheiten und Erwartungen, ist Irritation und Überraschung. Werden Inhalte allerdings eins zu eins transportiert, funktioniert die Botschaft nicht. Nur wenn sie sich in unserer Wahrnehmung ver- hakt, uns zum Denken bringt, nehmen wir die Botschaft wahr. Alles andere ist redundantes Rauschen und verpufft wirkungslos. Gute visuelle Rhetorik aktiviert eine autonome Denkleistung beim Rezipienten und muss gegen die Macht der Gewohnheit intrigieren, um wahrgenommen zu werden.
Im besten Fall gewinnt Werbung also unsere Aufmerksamtkeit – das kostbarste Gut der Informations- und Kommunikationsgesellschaft – und hat damit ihren Platz in unserem kulturellen Gedächtnis erobert (das zu leugnen, ist vielleicht verlockend, weil man sich damit wieder in bester Gesellschaft mit der bürgerlichen Kultur und der hohen Kunst befindet, entspricht aber keinesfalls den Realitäten).
Visuelle Rhetorik konzentriert sich allerdings nicht nur auf Werbebotschaften oder deren künstlerische Umkehrung. Botschaften sind auch in Bildzeichen enthalten, die nicht auf konkrete Objekt referieren, sondern in Relation zu einer Aussage stehen. Der weiße Stock steht für die Aussage „ich bin blind“, das Rot der Verkehrsampel für die Aufforderung „stehenbleiben“. Visuelle Rhetorik als Bildsprache ist demnach die “Kunst der Sprechenden Bilder”, und Piktogramme wären die prototypischen Medien dieser Art der Bildkonzeption (darauf werden wir noch später zurück kommen).
Dabei geht es gerade nicht darum, zu irritieren, zweideutig zu sein oder Divergenz zu erzeugen. Vielmehr ist es das Ziel einer solchen Bildsprache, komplexe Aussagen und Botschaften in einem Superzeichen zusammenzufassen, Konvergenz zu schaffen und Orientierungshilfe zu leisten. Dabei werden die zeitlich realisierten Sprachbotschaften in das räumliche System der Bilder transformiert, Botschaften fürs Ohr in Botschaften für das Auge übersetzt. Im Gegensatz zu fotografischen Bildern oder werbestrategischen Irritationen, die gleichermaßen vom “Inhalt” leben, sollen diese Bilder für sich selbst sprechen, ohne den fragwürdigen Ballast der Interpretation.
Die visuelle Rhetorik der Piktogramme, Navigationen und lexikalischen Indices ist ebenso Bestandteil der visuellen Kommunikation wie die irritierenden Bildbotschaften, allerdings mit anderen Absichten und für andere Zwecke konzipiert. Von daher lassen sich zwei Pole verorten, zwischen welchen sich das Potential der visuellen Rhetorik entfaltet: Mimikry und Intrige, Selbsterklärung und Irritation, Eindeutigkeit und Zweideutigkeit. Und jede dieser Methoden – wenn man sie denn so unterscheiden will – ist eine Kunst für sich. Beide stehen aber immer in einem kulturellen Kontext und sind nicht beliebig verstehbar. D.h. der Betrachter muss die visuellen Kodes seines Umfelds kennen, um Irritationen als solche wahrnehmen und entschlüsseln oder die Aussagen der Piktogramme richtig deuten zu können. Da wir nie außerhalb unseres kulturellen Umfeldes und damit Diskurses stehen, vergessen wir das aufgrund der Selbstverständlichkeit manchmal.
Zusammenfassend: Die Vermittlung medienpädagogischer Konzepte wie etwa “Visuelle Bildung” kann verdeutlichen, welche Bedeutung es haben kann, mit Bildern zu täuschen und mit Bildern zu enttäuschen. Es wird damit die Fähigkeit vermittelt, mit Bildern kommunizieren und Bilder diskutieren zu können – eine Vorstellung da- von zu haben, wie Bilder zustande kommen, auf welche Weise sie Meinungen evozieren und wie sich Bild/Text-Verhältnisse zu der emotionalen Rezeption von schein- bar objektiven Medienbotschaften verhalten.
Die Art und Weise, wie eine Information vermittelt wird, sagt dabei sehr viel über die Intentionen des Urhebers aus. Kennt man die Spezifika der Ausdrucksformen, so kann man leichter suggestive Elemente herausarbeiten und beurteilen und dadurch den eigentlichen Subtext des Mediums – sei es ein Bild, ein Film oder ein Musikstück – erkennen. Sowohl reflexive als auch produktionstechnische Aspekte der Informationsvermittlung sind daher primär zu vermitteln, um den spezifischen Informationscharakter von Medien erkennen zu können.
Dieses Kapitel stützt sich wesentlich auf die Expertise „Kulturelle Bildung im Medienzeitalter“ zur Vorlage bei der Bund – Länder – Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung im Auftrage des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, verfasst von Karl-Josef Pazzini, Universität Hamburg, Juli 1999.
Zunächst ist zu klären, was Kulturelle Bildung ist und inwieweit man diesen Begriff auf die oben dargestellte Medienkompetenz beziehen kann. Gemäß den Richtlinien des Bundesministeriums für Frauen und Jugend/Kinder und Jugendplan des Bundes vom 20.12. 93 wäre demnach folgende Definition gültig:
„Kulturelle Bildung soll Kinder und Jugendliche befähigen, sich mit Kunst, Kultur und Alltag phantasievoll auseinanderzusetzen. Sie soll das gestalterisch-ästhetische Handeln in den Bereichen Bildende Kunst, Film, Fotografie, Literatur, elektronische Medien, Musik, Rhythmik, Spiel, Tanz, Theater, Video u. a. fördern. Kulturelle Bildung soll die Wahrnehmungsfähigkeit für komplexe soziale Zusammenhänge entwickeln, das Urteilsvermögen junger Menschen stärken und sie zur aktiven und verantwortlichen Mitgestaltung der Gesellschaft ermutigen.”
Dieser Definition ist unbedingt zuzustimmen, beinhaltet sie doch das ganze Rüstzeug, um auf die bildungsrelevanten Herausforderungen des Medienzeitalters an- gemessen reagieren zu können und Medienkompetenz im oben gemeinten Sinn herzustellen. Allein ihre Interpretation resp. praktische Umsetzung legt ein Schatten auf den sonst so wohlgemeinten Ansatz. Bereits Pazzini – der dieser Definition explizit zustimmt – schränkt den theoretischen Bezugsrahmen für Kulturelle Bildung ein:
“Kulturelle Bildung betont die Notwendigkeit des Bezugs von Bildung auf die unterschiedlichen Künste. Sie ist eine notwendige Ergänzung zu den technischen Veränderungen durch die neuen Medien. Ohne den Bezug zu den Künsten können die Chancen der neuen Medien nicht ausgeschöpft werden. Im Gegenteil, es besteht ohne einen solchen Bezug die Gefahr der Verdummung und eine schon deutlich wahrnehmbare Disqualifikation von Arbeitskräften……”
Interessant ist in diesem Zusammenhang der explizite Bezug der kulturellen Bildung zur Kunst auf der einen, und die Disqualifizierung ihres Gegenteils – “Verdummung” genannt – auf der anderen Seite. Dies ist für die Definition des Begriffs “Kultur” von ebenso weit reichender Bedeutung wie für die Erlangung von Medienkompetenz.
Noch einmal Pazzini: “Kulturelle Bildung eröffnet die Teilhabe an Werken der Kunst, an den in ihnen eingeschlossenen Forschungsergebnissen, Produktionsprozessen und Rezeptionsmöglichkeiten. Sie sensibilisiert für weit greifende Veränderungsprozesse eben durch die neuen Medien und macht Zusammenhänge anders als begrifflich deutlich. Kulturelle Bildung beinhaltet Möglichkeiten und Ressourcen, die in den Wissenschaften, insbesondere den Naturwissenschaften, der Mathematik und den technisch ausgerichteten Wissenschaften nicht oder nur untergründig zur Verfügung stehen.”
Wir sehen hier, dass kulturelle Bildung den Wissenschaften, insbesondere den Naturwissenschaften, der Mathematik und den technisch ausgerichteten Wissenschaften nicht zugebilligt wird. Tauglich erscheinen allein die Verfahren der Kunst resp. der ihr zugrunde liegenden (Geistes)Wissenschaften wie z.B. die Kunstgeschichte, die Semiotik oder die Medientheorie.
Konsequenterweise bezieht Pazzini den Kulturbegriff in diesem Zusammenhang – wie schon eingangs angedeutet – eindeutig auf die Künste. Das romantische Künstler(selbst)bild, aus der Not oder wenigstens aus Notwendigkeit zu produzieren (Hölderlin im Turm etwa), das seine Herkunft vom Geist der Romantik und des Bürgertums nicht verhehlen kann, wird hier reaktiviert: “Unter „kulturell“ sollen hier Prozesse verstanden werden, die sich in Werken niederschlagen, die angeregt sind durch Prozesse und Werke aus den unterschiedlichen Künsten: Musik, Bildende Kunst, Tanz, Theater, Literatur …”. – Wir finden also auch bei Pazzini das Eingebettetsein der Kultur in die “hohe” Kunst. Wenn also in seiner Expertise von “Kultureller Bildung” die Rede ist, so wäre dies demnach als “Ästhetische Erziehung” im Schillerschen Verständnis zu lesen.
Das steht in einem gewissen Widerspruch zu Baackes’ Modell, das ja allein den adäquaten Gebrauch von Medien – also die Fähigkeit zur Mediennutzung – als Teil der Medienkompetenz anerkennt. Um den Widerspruch deutlich zu machen: Müssen Jugendliche, die in der virtuosen Handhabung eines Joy-Sticks oder in der perfekten Beherrschung eines “Games” unschlagbar sind, bereits als “medienkompentent” bezeichnet werden? Oder sind Künstler, die zwar in der Lage sind, die ganze Weltgeschichte in Stein zu meißeln, aber nicht die Fähigkeit haben eine Internetseite zu besuchen, in diesem Sinne hoffnungslos inkompetent?
Auf der einen Seite also sehen wir kulturelle Bildung im Klammergriff der hohen Kunst und des kulturellen Establishments (das nicht mehr ausschließlich aus dem ehemaligen Bildungsbürgertum besteht, sondern vielmehr durch den neuen “Geldadel” aus Wirtschaft, Politik und Showbusiness repräsentiert wird), auf der anderen Seite steht die triviale Pop-, Design- und Kitschkultur, die mit kultureller Bildung offensichtlich nicht das Geringste zu tun hat (aber mit der der moderne Kulturrepräsentant häufig seine Brötchen verdient).
Neil Postman konstatiert 1988, dass jenes Medium die kulturelle Ausprägung einer Kultur bestimme, welches es schaffe, Gedanken im kommunikativen Austausch am bequemsten zu transportieren. Und jene Gedanken, die sich bequem ausdrücken ließen, würden dann unweigerlich zum wesentlichen Inhalt einer Kultur (iPod, iPod, und nochmals iPod). Deswegen seien die „Wahrheitsbegriffe jeweils sehr eng mit den Perspektiven bestimmter Ausdrucksformen verknüpft“. Damit lehnt er sich eng an Marshall McLuhans “Das Medium ist die Botschaft” an.
In diesem Kontext stehen auch die Segnungen der Markenmultis und des Designs, hier vor allem des industriell gefertigten Designs, das eigentlich in der Lage sein soll- te, die Gegenstände des täglichen Gebrauchs kulturell zu “erhöhen” und damit die Partizipation aller Bevölkerungsschichten an der Kultur zu ermöglichen (wie z. B. noch das Bauhaus in den 20er Jahren). Nicht von ungefähr ist heute alles Design, was in irgendeiner Weise gefertigt wird, ob Hair-Design, Schmuck- oder Fingernagel-Design, Grafik- oder Foto-Design, Möbel- oder Mode-Design, vom Food-Design ganz zu schweigen. Und ebenso wenig ist es Zufall, dass sich vor allem Jugendliche über Marken definieren und artikulieren, ja ihre ganze Identität aus der Markenkultur beziehen.
Zwischen der Leitkultur einer bürgerlich kanonisierten Gesellschaft und den subkulturellen Lebensformen einer zunehmend durch Massenmedien geprägten Jugend liegen Welten. Dem Integrationsmodell durch Leitbilder wie Leistung, Höflichkeit und Toleranz steht die Integration durch Einbeziehung aller auch noch so trivialen kulturellen Auswüchse – und damit aller Mitglieder der Gesellschaft – entgegen. Wie aber schafft man es, “Rappern” oder “Gamern” die Schönheit einer Klaviersonate von Schumann beizubringen?
Medienkompetenz Teil IV – Die visuelle Rhetorik des Bildes / audio-visuelle Bildung





